Das Sternthaler Syndrom - hauptsache den anderen geht es gut!

August 22, 2017

 

In meinen Coaching-Sitzungen treffe ich oft auf Menschen, die sehr viel geben aber schlecht nehmen können. Die eigenen Bedürfnisse zählen weniger als die der Anderen - lieber leide ich als die Anderen. Das ist meist das Motto! Ich nenne es das Sterntaler Syndrom.

 

Warum? In dem Märchen von den Gebrüder Grimm geht es genau darum. Da ist ein Mädchen, das außer einem Kanten Brot und den Kleidern am Leib selbst nichts hat - aber lieb und fromm ist. Auf Ihrem Weg hinaus in die Welt trifft Sie mehrere Menschen, die hunger haben oder frieren. Sie gibt alles ab ohne auf sich zu achten. Lieber hungert und friert sie, bevor es die anderen tun. Als sie ihr letztes Hemd gegeben hat, regnet es für sie Sterntaler vom Himmel. Happy end -   im wahren Leben ist das aber anders!

 

Unbewusst glauben Menschen mit Sterntaler Syndrom auch an dieses happy end. Ihr Glaubenssatz lautet so oder ähnlich: Ich muss Rücksicht auf andere nehmen, Ihre Bedürfnisse erfüllen und /oder niemanden zur Last fallen, dann bekomme ich die Liebe, Anerkennung oder Aufmerksamkeit die ich brauche - das ist aber ein Trugschluss. So kämpfen sie ihr Leben lang darum Liebe und Aufmerksamkeit von Eltern, Partnern, Freunden oder Vorgesetzten zu bekommen.

 

Aufgrund der Erziehung von Jungen und Mädchen in den letzten Jahrhunderten betrifft das Sterntaler Syndrom sehr viel häufiger Frauen als Männer. Für mich erklärt sich das aus den noch immer unterschiedlichen Erziehungsbotschaften für Jungen und Mädchen. Jungen ist es erlaubt sich für Ihre Bedürfnisse lautstark einzusetzen - ein lautstarkes "ich will das aber" wird von ihnen eher akzeptiert als von Mädchen.  Durchsetzungsstärke möchten wir eher bei Jungen als bei Mädchen sehen. Sie sollen es diplomatisch angehen - ein charmantes "och, Papa gib mir doch" ist uns einfach angenehmer. Das alleine reicht jedoch nicht aus um das Sterntaler Syndrom auszubilden.

 

Hinzu kommen muss noch, dass ein Kind Verantwortung für das emotionale Wohlergehen eines oder beider Elternteile übernehmen muss - sprich es kommt zum Rollentausch. Die Elternrolle ist naturgemäß eine Gebende, sie sorgen für die Bedürfniserfüllung des Kindes - das wird in dem Fall vertauscht. Eltern werden zu Nehmenden und das Kind zum Gebenden.  Das Kind bekommt von dem Elternteil für diesen Dienst, Anerkennung und Aufmerksamkeit. Es lernt, ich bin wichtig wenn ich gebraucht werde. Ich erhalte nur dann Liebe, wenn ich mich um das Wohlergehen von Mama und/oder Papa kümmere. Es verwechselt Anerkennung und Aufmerksamkeit mit Liebe und wird auch als Erwachsener alles für andere tun um diese Liebe in Form von Anerkennung und Aufmerksamkeit zu bekommen - er oder sie führt ein Leben als Sterntaler.

 

Ich selbst habe diese Herausforderung zu meistern gehabt. Hinter meinem Sterntaler Syndrom steckte eine Geschichte aus der Kindheit - wie sollte es auch anders sein. Meine Mutter hat ihre Rolle als Mutter nicht erfüllen können. Nämlich sich fürsorglich um das Wohl der Kinder zu kümmern. So lernte ich, wenn ich mich um das Wohlergehen meiner Mutter kümmere bekomme ich Anerkennung und Aufmerksamkeit von ihr.  Die Liebe und Nähe, die ich gebraucht hätte, habe ich aber dennoch nicht bekommen. So bin ich sogar noch als erwachsene Frau hinter der Liebe und Nähe hinter her gelaufen.

 

Menschen mit Sterntaler Syndrom ziehen häufig Menschen an, die Angst vor Liebe haben, Nähe nicht zulassen, wenig Geben können und wenig Verantwortung für sich und ihr Leben übernehmen können. In Partnerschaften gut zu beobachten; der eine der den Anderen braucht um durchs Leben zu kommen und der Andere der gebraucht werden muss und immer weiß was gut und richtig für den Anderen ist. Schon ist man in einer hochsymbiotischen Beziehung.Mein Sterntaler Syndrom konnte ich heilen und meine symbiotischen Beziehungsmuster lösen, als ich anfing mich Selbst mehr zu achten und zu lieben. Wie habe ich das gemacht?1. Ich hatte mir professionelle Hilfe gesucht und die Sitzungen haben viel dazu beigetragen, dass ich mein kritisches Eltern-Ich in ein führsorgliches Eltern-Ich wandeln konnte.2. Ich las viel über innere Kind Arbeit und der Möglichkeit der Neubeelterung. Ein Buchtitel bringt es auf den Punkt "Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit". Das wurde mein Ziel.3. Ich fing an, mir die Mutter und der Vater zu sein, die ich nie hatte. Wenn ich Kummer, Schmerz, Schuld- und Schamgefühle, etc. hatte, stellte ich mir folgendes vor: Ich traf am Straßenrand ein fremdes Kind, dass bitterlich weinte. In mir stiegen für dieses Kind ganz automatisch Gefühle der Liebe und der Führsorge auf. Nun ersetzte ich das Kind durch mich als kleines Mädchen. Ich beugte mich zu meinem "kleinen Ich" hinunter. Ich fragte liebevoll was los ist und nahm sie in den Arm, tröstete sie und fühlte was es noch von mir brauchte. Das konnte- die Erlaubnis sein, sich ganz in dem Schmerz zeigen zu dürfen.- das Erkennen sein, dass es ein Gefühl ist und keine Tatsache.- Liebe, Trost, Vergebung, etc..Was auch immer es war, sie bekam es - hier hat mir das Buch "Wieder fühlen lernen" von Safi Nidiaye sehr geholfen.Wenn Sie mögen, machen Sie hier mal eine Lesepause und fragen sich, was Sie mit sich machen wenn Sie Gefühle wie Schmerz, Trauer, Angst, Schuld oder Scham spüren.

 

 

Die meisten Menschen sagen in dem Fall zu sich Selbst: Stell Dich nicht so an, steh auf und mach einfach weiter, ist doch nicht schlimm, wie konntest du nur so ... sein. Manche kommen auch mit Affirmationen - wie, alles ist gut, ich bin glücklich, ich lebe in Liebe und Fülle - oder so ähnlich. Was denken Sie, wie fühlt sich Ihr "kleines Ich", dem es nicht gut geht. Fühlt es sich gesehen, verstanden oder geliebt - wohl eher nicht!Mit der Zeit wurde ich ein richtiger Neubeelterungs-Profi und dieser Teil in mir, der sich nicht wertvoll, nicht liebenswert fühlte, konnte mehr und mehr heilen. So wuchs meine Selbstachtung und meine Selbstliebe. Heute habe ich Momente in denen ich eine ganz tiefe Liebe für mich empfinde und sehr wohlwollend auch meine Schattenseiten annehmen kann. Das Beste ist aber, dass ich nicht mehr um Liebe zu kämpfen muss - welch eine Freiheit! Eines ist mir auf dem Weg noch klar geworden, wenn jemand sein Herz nicht auf hat und nicht lieben kann, werde ich noch so viel geben können - mich verbiegen, mich anpassen - ich werde es nicht schaffen dieses Herz zu heilen und für die Liebe zu öffnen. Das kann der Mensch nur selbst.

 

Ich wünsche Ihnen von Herzen einen Tag voller Liebe Ihre Anja Wendt

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