Nein sagen - nichts leichter als das, oder?

Aktualisiert: März 17


Kommt Ihnen das bekannt vor?

- Sie sind immer zur Stelle wenn andere Menschen Sorgen und Nöte haben.

- Sie haben immer wieder das Gefühl alles hängt an Ihnen, ohne Sie läuft nichts.

- Sie haben Angst Fehler zu machen und kritisiert zu werden.

- Sie gehen Konflikten gerne aus dem Weg.

- Sie fühlen sich schuldig oder haben ein schlechtes Gewissen, wenn Sie die Bitte eines Menschen abschlagen.

- Sie lassen sich von bestimmten Menschen immer wieder zu Etwas überreden und können Ihnen ihren Wunsch nicht abschlagen.

- Sie arbeiten zu viel und haben kaum Zeit für sich.

Wenn Ihnen das nicht bekannt vor kommt, brauchen Sie jetzt nicht Weiterlesen. Wenn Sie sich in ein, zwei oder vielleicht sogar in allen Punkten wieder erkennen - herzlich willkommen im Club!

Die wirklich gute Nachricht, Sie sind nicht alleine. Ganz vielen Menschen geht es so. Sie können nicht wirklich gut Grenzen setzen und Raum für sich beanspruchen. Was heißt das genau?

Aus meiner Coaching-Praxis und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es uns aufgrund unserer Erziehung, mehr oder weniger schwer fällt uns abzugrenzen, nein zu sagen uns für unsere Bedürfnisse/Belange einzusetzen. Stellen Sie sich einen Moment lang folgende Szenarien vor.

1. Sie sind mit einer Freundin zusammen und sie bittet Sie darum heute Abend mit Ihr auszugehen. Sie wollten aber den Abend bei Ihrem Buch auf der Couch verbringen - hatten sich schon so darauf gefreut. Ruhin der Magengegend, eigentlich ja, aber na jaaaa........, dann geh ich halt mit ihr weg. Das Buch läuft mir ja nicht weg das kann ich auch wann anders machen. Wären Sie mit einer anderen Freundin zum Filmeschauen bereits schon verabredet gewesen, hätten Sie dieser abgesagt um mit der Anderen den Abend zu verbringen? Merken Sie was? Könnte es sein, dass Sie sich gerade Selbst versetzt haben?

2. Sie sind auf einer Familienfeier und so richtig wohl haben Sie sich bei diesen Feiern eigentlich noch nie gefühlt. Es kommt wie es immer kommt, alle erzählen entweder von Krankheiten, ihren tollen Erfolgen im Beruf oder den letzten Urlaub. Keines der Themen interessiert Sie wirklich. Als dann Ihr Schwiegervater mitteilt, dass er Fotos vom letzten Urlaub mitgebracht hat und nun diese zeigen möchte, wehrt sich alles in Ihnen. Sie haben da keine Lust drauf. Aber sagen tun Sie es nicht, aufstehen und gehen tun Sie auch nicht. Sie lassen es über sich ergehen eine Stunde Urlaubsbilder von Sylt. Welches Gesprächsthema und welche Gefühle Sie wohl haben, wenn Sie am Ende der Feier mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin nach Hause fahren?

3. Sie sitzen mit einem Kollegen beim Mittagessen und dieser erzählt Ihnen von den Grausamkeiten dieser Welt. Wer, wann, wie, ums Leben gekommen ist, wer, wie korrupt ist, etc. Sie merken, wie es Ihnen so langsam den Hals zuschnürt und Ihnen der Appetit auf das Essen vergeht. Sie trauen sich nicht zu sagen, dass Sie solche Themen beim Essen belasten und Ihnen der Appetit vergeht. Sie bitten Ihn nicht das Thema zu wechseln und über etwas Positiveres zu sprechen. Nein, Sie hören sich das an und geben den halb vollen Teller zurück. Vielleicht überlegen Sie gerade: "Ich sollte nicht mehr so häufig oder gar nicht mehr mit ihm zum Essen gehen."All dies tun wir aus Angst die Harmonie zu gefährden. Wir fürchten, dass sich die Personen dann von uns abwenden oder wir schuld daran sind, dass sich Menschen schlecht fühlen und leiden. Sie erinnern sich - das Sterntaler Syndrom (siehe auch Artikel „Das Sterntaler Syndrom“ ).

Wir kommen dem Wunsch nach oder harren in Situationen aus, obwohl wir es eigentlich nicht wollen. Das bleibt natürlich nicht ohne Folgen. Irgendwo bahnt sich diese eigene innere Untreue, die geringe Selbstfürsorge, Ihren Weg. Entweder werden wir aggressiv, ohne wirklichen äußeren Grund oder wir richten die Aggression gegen uns und werden Krank, bekommen Allergien, Bluthochdruck, Depressionen, Magen/Darm Probleme, etc. Es geschieht aber noch Etwas: Wir errichten Mauern um unser Herz, so dass uns Menschen nicht mehr richtig nah kommen können - Wir sagen nicht mehr Ja zu einer Beziehung. Wieso tun wir das?

Menschen mit einer Abgrenzungsschwäche laden oft andere zur Grenzverletzung ein, indem sie zu offen auf andere zugehen und zuviel Nähe zulassen. Dadurch werden sie ausgenutzt und verletzt. Diese Verletzungen sorgen dafür, dass sie ihr Herz verschließen und eine Distanz aufbauen, die bis zum Kontaktabbruch gehen kann. Deutlich wird dies wenn wir uns vorstellen, wir leben in einem Haus mit offenen Fenstern und Türen. Alles ist offen, alles kann ungehindert in dieses Haus kommen. Das ist erst schön, so viel Kontakt, so viel Nähe. Nur es kommen auch Menschen in dieses Haus, die wollen wir gar nicht. Sie tun uns nicht gut, sie machen uns Angst, rauben uns Energie, verunsichern uns, sind einfach lieblos. Wenn wir dann nach langer Zeit des Leides richtig merken was diese Menschen in unserem Haus anrichten, sind sie so nah, dass wir sehr viel Energie aufwenden müssen um sie wieder aus dem Haus raus zu bekommen. Haben wir das endlich geschafft sind wir oft so verletzt und misstrauisch, dass wir nun alles zu mauern. Lieber soll nichts mehr rein und raus kommen, bevor wir noch einmal so leiden müssen. So können wir nicht mehr uneingeschränkt ja sagen zu Jemanden oder müssen den Kontakt ganz abbrechen. Wie nun rauskommen aus dieser Nähe- Distanz-Misere?

Ich selbst habe die Erfahrung gemacht dass es gar nicht so leicht ist, eine gesunde Distanz aufzubauen, die aber wahre Nähe zulässt. Vor allem wenn man, wie ich, neben dem Sterntaler Syndrom noch so viele verschachtelte Botschaften hatte wie: Sei nicht egoistisch, Du bist Böse wenn Du an Dich denkst, etc, oder aufgrund von Traumata resigniert hat, weil es eh nie einen Sinn hatte, bei den damit verbundenen massiven Grenzverletzungen, nein zu sagen.

Nachdem mir bewusst wurde, dass ich in Beziehungen - beruflich oder privat wenig Grenzen setzen kann und nicht gut für mich sorge, hatte ich das Gefühl ich stehe mit Badeschlappen am Fuße des Mount Everest und muss den Berg nun damit besteigen. Unlösbar erschien mir diese Aufgabe.Das Einzige, was mir in dieser Situation spontan einfiel - ab in den Kopf, nur nicht fühlen müssen. Ich besorgte mir Bücher zu dem Thema, so war mein Verstand aktiv und wenn der aktiv ist, bin ich sicher vor Gefühlen. Die Bücher bewirkten, dass ich mich besser verstand, meine Hoffnung und mein Mut stieg. Jetzt konnte ich mich auf den Weg machen und suchte mir Begleitung. Auf dem Weg zum Gipfel erkannte ich, dank meiner Begleiter, warum es für mich so schwierig war Grenzen zu setzen. Die dazu gehörigen Ereignisse aus der Vergangenheit, Gefühle und die Glaubenssätze wurden transformiert und ich konnte mehr und mehr Grenzen setzen. Für alle, die auch erst ein Mal das Thema vertiefen oder sich Mut anlesen möchten, kann ich folgende Bücher empfehlen:

- "Everybody´s Darling, Everybody´s Depp" von Irene Becker (für Männer und Frauen)

- "Nein sagen will gelernt sein - erfolgreich Grenzen setzen" von Gabi Pörner (für Männer und Frauen)

- "Starke Frauen sagen Nein - so lernen Sie sich abzugrenzen" von Ulrike Dahm (für Frauen)

Durch meine Abgrenzungsschwäche zog ich auch Menschen in mein Leben, die dies für Ihre eigenen Interessen ausgenutzt haben. Diese Menschen waren es dann auch, die ärgerlich oder verletzend wurden, als ich anfing Grenzen zu setzen und Raum einzunehmen. Alle anderen haben damit gar kein Problem gehabt und echte Freunde haben sich sogar sehr darüber gefreut, dass ich es schaffte mehr und mehr für mich zu sorgen.

Jetzt seien wir mal ehrlich, wollen wir uns wieder schlecht fühlen und klein bei geben weil ein Mensch ärgerlich oder verletzend wird, nur weil wir nein sagen - Ich für meinen Teil habe mich entschieden - Nein will ich nicht! Es wurden ausschließlich nur die Menschen ärgerlich und verletzend, die zuvor meine Schwäche für Ihre Zwecke ausgenutzt haben. Man nennt sie im allgemeinen Egoisten!

Eins sollte uns klar sein, Harmonie mit Egoisten ist nur gegeben wenn wir ihm oder ihr das geben was sie haben wollen, egal was es uns kostet. Das wollte ich nun aber ja gerade ändern – gut das ich, dank des Verhaltens dieser Menschen in meinem Leben, den alles entscheidenden Hinweis erhielt. Dank der Reaktion von Egoisten auf mein "Nein", konnte ich das Ausmaß meines Harmoniestrebens, eigentlich schon meiner Harmoniesucht, erkennen. Dieses brauchte und braucht auch heute noch Heilung damit ich mehr und mehr auch zu meinem "Nein" stehen kann und nicht wieder einknicke. Übrigens eine tolle Erfahrung, wenn man es das erste Mal geschafft hat. Noch nie zuvor fühlte ich mich innerlich so groß und stark. Ich bin aber ehrlich, es gelingt mir auch heute noch nicht immer - aber immer besser und jedes Mal wenn ich es schaffe steigt wieder ein Stück die Selbstachtung in mir. Ich bleib einfach auf meinem Weg, irgendwann bin ich angekommen am Gipfel meines Mount Everest.

Wenn

- Sie besser auf sich acht geben und nicht immer zu kurz kommen möchten,

- Sie lieber rechtzeitig nein sagen möchten,

- Sie Beziehungen entspannter leben möchten und andere Auswege als den Kontaktabbruch für sich leben möchten,

- Sie ein gesundes Maß von Geben und Nehmen erreichen möchten,

kurz gesagt innerlich groß werden möchten, dann machen Sie sich auf den Weg, es lohnt sich - ehrlich!

Ich wünsche Ihnen eine erkenntnisreiche Zeit

Anja Wendt

#Weisheit #neinsagen #Sternthalersyndrom #Abgrenzen

58 Ansichten

© 2020 Anja Wendt